Redaktor/In

Patricia Schneider

Patricia Schneider

Peter Olpe, Aeschlimann, 1990.
Peter Olpe, Aeschlimann, 1990.
Peter Olpe, Out of Focus, 2012.
Peter Olpe, Out of Focus, 2012.
Hamilton, Face to Face 58, 2001.
Hamilton, Face to Face 58, 2001.
The Legacy Project Collaborative, The Great Picture, 2006.
The Legacy Project Collaborative, The Great Picture, 2006.
Kwanghun Hyun, Heartbeat, 2013.
Kwanghun Hyun, Heartbeat, 2013.
Kelly Angood, Viddy, 2010.
Kelly Angood, Viddy, 2010.
Elvis Halilovi?, Ondu Collection, 2011.
Elvis Halilovi?, Ondu Collection, 2011.
Steven Pippin, Autoportrait (on fire), 2013.
Steven Pippin, Autoportrait (on fire), 2013.
Roland Wilhelm, Kampagne der Hamburger Stadtreinigung, 2012.
Roland Wilhelm, Kampagne der Hamburger Stadtreinigung, 2012.
Michael Wesely, Leipziger Platz, 1997–1999.
Michael Wesely, Leipziger Platz, 1997–1999.
Michael Wesely, Still Life Series, 2007.
Michael Wesely, Still Life Series, 2007.
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Recherche
Patricia Schneider

Pinholes:
Je kleiner desto schärfer!

Durch ein winziges Loch in einer dunklen Schachtel lässt sich die Welt auf ein sensibles Trägermaterial projizieren und darauf festhalten. In einer Zeit, in der wir die Geräte, welche wir täglich nutzen, nicht mehr verstehen, lässt diese Beobachtung unseren Erfindergeist erwachen.

FB

Das Prinzip der Camera Obscura wurde bereits Anfang des 16. Jahrhunderts durch Cesariano, einen Schüler Leonardo Da Vincis beschrieben, und die Faszination dieses Phänomens findet auch heute noch eine eindrückliche Resonanz in der Kunst und im Design. Durch ein winziges Loch in einer dunklen Schachtel lässt sich die Welt auf ein sensibles Trägermaterial projizieren und darauf festhalten. In einer Zeit, in der wir die Geräte, welche wir täglich nutzen, nicht mehr verstehen, lässt diese Beobachtung unseren Erfindergeist erwachen.

Fast alle Leute haben heute ein Gerät in der Tasche, mit dem sie jederzeit ihre Umgebung oder sich selber fotografieren können. Die Geräte haben so sensible Sensoren, dass sie fast bei jedem Licht brauchbare Bilder erzeugen. Man muss lediglich auf einen Knopf drücken und das Gerät ermittelt automatisch Weissabgleich, Blende und Belichtungszeit. Allenfalls kann man die Ergebnisse noch optimieren, wenn man statt der Vollautomatik den Landschaftsmodus, Porträtmodus oder für Nahaufnahmen das Symbol mit der Blume anwählt. Etwas geht bei diesen technischen Alleskönnern allerdings verloren: Das Verständnis dafür, dass Fotografieren mit Licht und Zeit zu tun hat.

Der Kontrapunkt:

Wer dem Wesen der Fotografie auf den Grund gehen möchte oder auch nur einen Kontrapunkt zum digitalen Alltag setzen möchte, der soll unbedingt einmal eine Lochkamera bauen. Statt durch eine Linse trifft das Licht bei dieser einfachsten Kamera durch ein winziges, verschließbares Loch auf ein lichtempfindliches Material (z. B. Negativfilm oder Fotopapier), welches im Innern eines dunklen Hohlraums befestigt wird. Das Hochgefühl ist garantiert, wenn aus der umgebauten Zündholzschachtel eine winzige Kamera entstanden ist, die ein gestochen scharfes Negativbild erzeugt hat. Eduard Piel zeigt in seinem Videotutorial wie das geht.

Das Tauschprojekt:

Etwas ambitioniertere KonstrukteurInnen können sich vom wunderbaren Buch Out of Focus von Peter Olpe inspirieren lassen. Der in Basel lebende Grafiker, Lehrer und Gestalter hat seit den achziger Jahren unterschiedlichste Lochkameras gebaut und diese dem Fotomuseum in Vevey geschenkt. Die Kameras zeichnen sich nicht nur durch ihre raffinierten technischen Details aus, sondern sind auch eine ästhetische Augenweide. Als das Museum 2012 eine Ausstellung mit Olpes Kameras machen wollte, hat er verschiedene Fotografinnen und Fotografen aus der ganzen Welt angefragt, ob sie mit den Kameras, die er nach ihren individuellen Wünschen fertigen würde, einen Beitrag für die Ausstellung leisten wollten. Als Gegenleistung für die Bildbeiträge hat er ihnen die massgeschneiderten Kameras geschenkt. Aus diesem Tauschgeschäft ist eine Serie von unglaublich vielseitigen und sehenswerten Fotografien entstanden, welche Peter Olpe zusammen mit seinen technischen Erläuterungen und seinen eigenen Beiträgen in seinem Buch Out of Focus präsentiert.

Peter Olpe, Aeschlimann, 1990.Peter Olpe, Out of Focus, 2012.

Das Loch:

Damit die Lochkamera scharfe Bilder produziert, muss das Loch möglichst klein sein. Wie die englische Übersetzung Pinhole besagt, wird das Loch meist mit einer Nähnadel gestochen. Die besten Resultate gibt es, wenn man dazu das Blech einer Aludose verwendet, mit einem Kugelschreiber eine kleine Mulde hineindrückt, in die man mit einer spitzigen Nadel ein winziges Loch sticht, dessen Brauen man mit einem feinen Schleifpapier anschliessend entfernt. Sobald man sich mit den technischen Details zu beschäftigen beginnt, findet man unzählige Theorien, Tipps und Anleitungen. Mit dem Lochgrössen-Kalkulator von Mike Feuerbach kann man die ideale Lochgrösse ermitteln und erfährt, wie man das perfekte Loch macht. Eine grafisch etwas ansprechendere Hilfe zur Ermittlung der Belichtungszeit hat Richard Koolish für Ilford Film gestaltet und der Tscheche David Balihar hat die Software Pinholedesigner 2.0 für Windows entwickelt, mit der man die verschiedenen Parameter für unterschiedliche Kameradesigns berechnen kann.

Experimentelle und kuriose Kameras:

Wer gerne experimentiert merkt bald, dass das Konstruieren der Kamera bereits ein gestalterischer Akt ist. Warum sollte man eine Kamera bauen, die normale Bilder produziert, wenn man entdeckt, dass das Variieren der Brennweite, der Grösse und der Anzahl der Löcher, des Winkels und der Form der Bildebene zu spannenden bis kuriosen Bildern führt. Fast jedes lichtdichte Behältnis kann zu einer Lochkamera umfunktioniert werden. So finden sich unter den exotischeren Exemplaren ein Ei, die Mundhöhle des Fotografen oder ein Flugzeughangar, in dem ein Künstlerkollektiv 9.6 x 32.7 Meter grosse Fotografien produziert hat.

Hamilton, Face to Face 58, 2001.The Legacy Project Collaborative, The Great Picture, 2006.

Das Design:

Eine ganz besondere Erscheinung hat die Kamera mit der Bezeichnung Heartbeat, welche der Koreaner Kwanghun Hyun gebaut hat. Es handelt sich dabei um ein altes Uhrwerk, welches er modifiziert und mit selbstgefrästen Teilen zu einer funktionstüchtigen Lochkamera umgebaut hat. Auch die Mini Lomo Pinhole von Francesco Capponi hat trotz der winzigen Grösse hohe Ansprüche an das Design. Wer kein Flair fürs Konstruieren hat, sich aber dennoch eine schöne Lochkamera wünscht, kann sich auf der Webseite des Designers Matt Nicolson den Bausatz einer Leica M3, die er sinnigerweise Lieca M3 nennt, herunterladen oder ein do-it-yourself Kit der Mittelformatkamera Viddy bestellen, welche Kelly Angood nach dem Vorbild einer Hasselblad gestaltet hat. Der Bausatz, welcher im Siebdruckverfahren bedruckt wurde, ist in verschiedenen Farben erhältlich. Um den Umgang mit der Kamera zu erleichtern, hat die Designerin eine App entwickelt, welche dabei hilft, die richtige Belichtungszeit zu ermitteln. Wer nicht selber Hand anlegen will, kann beim Slovenen Elvis Halilovi? eine hochwertige Ondu aus Holz kaufen. Die Produktion seiner nachhaltigen und von Hand gefertigten Kameras mit dem eleganten Magnetverschluss hat als Kickstarterprojekt begonnen und wurde inzwischen zu einem erfolgreichen Unternehmen ausgebaut.

Kwanghun Hyun, Heartbeat, 2013.Kelly Angood, Viddy, 2010.Elvis Halilovi?, Ondu Collection, 2011.

Künstlerische Projekte:

Der Künstler Steven Pippin hat den Ausdruck «ein Bild schiessen» wörtlich genommen und hat verschiedene Versuchsanordnungen mit Kameras und Schusswaffen entwickelt. Er hat beispielsweise eine Pistole in ein grossformatiges Kameragehäuse eingebaut, die beim Drücken des Auslösers abgefeuert wird und so das Pinhole schiesst. Auf den damit erzeugten Bildern ist manchmal sogar die fliegende Patrone zu erkennen, meist hat Pippin aber Bilder von sphärischen Nebelschwaden geschossen. Die Werbeagentur Scholz & Friends hat für eine Kampagne der Hamburger Stadtreinigung die Tonnen der Müllabfuhr zu Lochkameras umgebaut. Roland Wilhelm und weitere Müllmänner haben damit ihre Lieblingsplätze dokumentiert, und ihre Arbeit wurde damit buchstäblich in ein neues Licht gerückt. Die Fotos verbreiteten sich rasant übers Internet und beeindruckten auch die Juroren des Werbefestivals in Cannes, welche die Kampagne mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet haben.
Die bemerkenswerteste künstlerische Arbeit, welche mit einer Lochkamera realisiert wurde, ist das Langzeitprojekt von Michael Wesely. Der in München geborene und in Berlin lebende Fotograf hat eine Kamera gebaut, die es erlaubt, sein Motiv über einen langen Zeitraum hinweg zu belichten. Damit konnte er den Umbau des Potsdamer Platzes in Berlin über zwei Jahre und zwei Monate und den Abriss und anschließenden Neubau des Museum of Modern Art in New York fast 3 Jahre lang belichten. Damit hat er nicht nur städtische Entwicklungen dokumentiert, sondern die sich verändernde Zeit auf einzelne unglaublich faszinierende Bilder gebannt.

Steven Pippin, Autoportrait (on fire), 2013.Roland Wilhelm, Kampagne der Hamburger Stadtreinigung, 2012.Michael Wesely, Leipziger Platz, 1997–1999.Michael Wesely, Still Life Series, 2007.

Einmal pro Jahr wird weltweit der Tag der Lochkamera gefeiert. Der nächste Pinhole Day ist am 30. April 2017. Das wäre doch ein guter Zeitpunkt, um sich mal vom Blümchenmodus abzuwenden und dem analogen Abenteuer eine Chance zu geben.

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Interview
Patricia Schneider

Vorsicht Fälschung!

Um eine Kunstfälschung handelt es sich, wenn die Veränderung oder die Nachbildung eines Kunstwerks in betrügerischer Absicht geschieht. ... Könnte man also sagen, dass die Tätigkeit des Restaurators in gewisser Weise eine legitimierte Form der Kunstfälschung ist?

FB

Ein Interview von Patricia Schneider mit Sebastian Dobrusskin Leitung Forschungsschwerpunkt Materialität in Kunst und Kultur, HKB

PS Um eine Kunstfälschung handelt es sich, wenn die Veränderung oder die Nachbildung eines Kunstwerks in betrügerischer Absicht geschieht. Auch bei einer Restaurierung wird ein beschädigtes Kunstwerk verändert oder nachgebildet, um es in seinen ersten Originalzustand zurückzuversetzen. Könnte man also sagen, dass die Tätigkeit des Restaurators in gewisser Weise eine legitimierte Form der Kunstfälschung ist?

SD Bei der Restaurierung steht keine betrügerische Absicht im Raum. Zudem ist die Annahme falsch, dass der „erste Originalzustand“ Ziel einer Restaurierung ist. Bei der Konservierung und Restaurierung steht die Erhaltung des Werkes im Vordergrund, hierzu kann es notwendig sein, kleine Ergänzungen anzubringen, um die Lesbarkeit des Werkes zu gewährleisten.

PS Du bietest seit einigen Jahren an der HKB den Kurs „Vorsicht Fälschung!“ an. Was sind die Schwerpunkte und Ziele dieses Fachkurses?

SD Zum einen sollte eine Restauratorin / ein Restaurator in der Lage sein, gute Faksimile und auch einfache Formen der Fälschung zu erkennen, damit sie ihre bzw. er seine Kunden entsprechend berät und ggf. von einer aufwändigen Restaurierung eines Faksimile abrät. Dennoch kann es sein, dass eine solche Reproduktion für den Kunden von Bedeutung ist – z.B. Erbstück der Grossmutter – und damit für ihn ausreichend grossen Wert besitzt, um die Kosten der Restaurierung zu tragen.Zum anderen sollen Restauratorinnen und Restauratoren die in Sammlungen angestellt sind, diese in Bezug auf Neuanschaffungen beraten können. Oft werden, vor allem im Bereich unter 10’000 CHF, Fälschungen angeboten, die mit einfachen Mitteln identifiziert werden können. Hierzu reicht etwas Seherfahrung und eine 50x vergrössernder Fadenzähler oder besser noch ein entsprechendes Mikroskop.Gleichzeitig erlernen die Studierenden die Identifizierung der originalen Drucktechniken, um sie von den Fälschungen unterscheiden zu können, ein Wissen, das ihnen für die Dokumentation ihrer Arbeit und im Rahmen der Bezeichnung von Werken in Sammlungen und Ausstellungen von grossem Nutzen ist.

PS Wie gehen die Fälscher vor und woran lässt sich eine Fälschung hauptsächlich erkennen?

SD Fälscher sind faul. Sie möchten mit möglichst wenig Aufwand einen hohen Ertrag erzielen. Daher geben sie sich in der Regel nur so viel Mühe mit der Fälschung, dass die Täuschung des Kunden gelingt.

PS Gefälscht wird fast alles, was einen hohen Marktwert hat. Es kursieren Zahlen, dass etwa die Hälfte der im Kunsthandel angebotenen Werke gefälscht sind. Hältst du das für realistisch? Bei welchen Künstlern im Bereich der Grafik gibt es besonders viele Fälschungen?

SD Ich denke die Zahlen stimmen. Nach Drogen und Waffenhandel ist der illegale Kunstmarkt umsatzmässig der drittgrösste Deliktbereich weltweit. Hierzu zählt natürlich auch der Handel mit geraubter Kunst, im Moment vor allem aus den Konfliktgebieten.Die Druckgrafik eignet sich sehr gut zum Fälschen, da es meist mehrere Abzüge eines Druckes gibt und daher ein, zwei oder fünf Exemplare mehr in der Regel kaum auffallen. Zudem liegt der Wert der Grafik nicht so hoch, sodass z.B. Auktionshäuser in der Regel die Ware nicht besonders gründlich oder eben gar nicht auf ihre Echtheit hin prüfen. Gefälscht wird, was der Markt verlangt, hierzu zählen vor allem Künstler wie Picasso, Miro, Dali, Chagall um grosse Namen zu nennen, oft aber auch Drucke lokal bekannter Künstler, die regional gesucht werden.

PS Als Experte für Grafik musst du sicher gelegentlich die „Echtheit“ eines Werks feststellen. Dein Urteil kann dazu führen, dass jemand ein wertvolles Kunstwerk oder einfach ein Stück Papier mit Farbe drauf in den Händen hält. Spürst du da einen gewissen Druck von Seiten der Auftraggeber? Welche Erfahrungen hast du bei deinen Expertisen gemacht?

SD Die Echtheit eines Werkes zu bestimmen ist meines Erachtens technologisch gesehen nicht möglich. Grundsätzlich gehe ich bei der Beurteilung davon aus, dass mir eine Fälschung vorliegt, glaubt man an ein Original hat man schon verloren. Das beste Ergebnis einer solchen Untersuchung würde beschreiben, dass trotz aller Untersuchungen die Echtheit des Werkes nicht ausgeschlossen werden kann.Expertisen im Auftrag habe ich bisher nur in Ausnahmefällen ausgeführt. Ab und zu berate ich befreundete Kollegen mehr aus Gefälligkeit und Neugier, da ich so immer noch etwas dazulerne. Hier liegt meistens „so ein Gefühl“ oder ein nicht beschreibbarer Verdacht vor, den ich dann bestätigen oder verwerfen soll, daher gerate ich hier nicht unter Druck. Das Geschäft mit Expertisen ist mir zu heikel, geht es dann doch schnell mal um Millionenbeträge in Verbindung mit kriminellen Machenschaften, den Kick brauche ich nicht.

PS Was passiert schliesslich mit den Fälschungen? Wenn beispielsweise ein Museum feststellt, dass es in ihren Beständen Fälschungen hat, müssen diese vernichtet oder zumindest gekennzeichnet werden?

SD Für Museen oder andere Sammlungen ist es in der Regel sehr peinlich, Fälschungen in der Sammlung zu haben. Sie verschwinden dann meist irgendwo im Depot und eigentlich will man ja dann auch gar nicht so genau wissen, ob die Werke echt sind. So sind sie wenigstens nicht im Handel und richten keinen weiteren Schaden an. Anders verhält es sich mit Fälschungen, die von der Polizei beschlagnahmt wurden. Diese werden je nach Rechtsprechung in Europa vernichtet, gekennzeichnet oder wie z.B. in Finnland nach 5 Jahren ohne Kennzeichnung dem Besitzer wieder zurückgegeben.

PS Anders als andere Kriminelle geniessen überführte Fälscher ein gewisses Ansehen, weil ihre Tätigkeit ein grosses Können voraussetzt, und sie die undurchsichtigen Mechanismen des Kunstmarkts überlistet haben. Interessiert du dich für ihre Biografien oder kennst Du sogar welche?

SD Fälscher sind einfach Verbrecher. Sie unterscheidet nichts von Betrügern oder Dieben. Der Hype, der z.B. um den Kriminellen Beltracchi aufgeführt wird, stösst bei mir auf völliges Unverständnis. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, denn mehr Aufmerksamkeit ist diese Klientel nicht wert.

PS Fälschungen werfen auch sehr grundsätzliche Fragen auf, die den Kern der Kunstgeschichte betreffen. Was erachten wir eigentlich als ein Original und wie können Fälschungen im Zeitalter der Massenreproduzierbarkeit als Abgrenzung zu den Originalen begrifflich erfasst werden?

SD Das ist eigentlich eine sehr philosophische Frage, denn letztlich erhält ein Werk – sei es Kunst oder Kulturgut – vor allem über das Wissen das wir über das Werk haben seinen Wert. Dieses Wissen versucht nun der Fälscher zu manipulieren, indem er z.B. ein gefälschtes Gutachten vorlegt, eine falsche Signatur anbringt oder eben ein komplett falsches Werk als ein originales ausgibt. Würde er z.B. nur im Stile von … malen und weder Signatur noch Provenienz fälschen, wäre das Ganze legal – aber eben nicht einträglich und vermutlich nicht einmal interessant für den Handel.Wenn wir uns dann noch darüber klar werden, dass wir unsere Identität ja aufgrund unserer Kultur,  in der und mit der wir leben und aufgewachsen sind, bilden, dann wird letztlich klar, dass Fälschungen auch unsere Identität verwässern können. Stellen wir uns die „Disneyfizierung“ von ganzen Ortschaften vor – Stichwort Heidiland. Diese Verfälschung unserer Kultur ist leider noch nicht strafbar, aber das ist wohl auch ein anderes Thema.

PS Ist das Thema „Fälschung“ ein Gegenstand der aktuellen Forschung in der Schweiz?

SD Ja und nein: Fälschungen im Sinne von Dokumenten-Fälschungen, also Ausweise, Pässe etc. werden an der Universität Lausanne im Rahmen der Forensik beforscht. Es gab dort auch eine Doktorarbeit, die sich mit der Fälschung von Signaturen befasste. Die Doktorandin kam in die HKB und bat uns Restauratoren, für sie Signaturen in Acryl auf Leinwand zu fälschen, die sie dann untersuchen konnte.Die Erforschung von Methoden zur Erkennung von Fälschungen im Bereich der Kunst ist leider rar. Wir hatten das Forschungsprojekt „Papier – unde venis“, bei dem wir mit Durchlichtscans Papiere aufgrund ihrer technologisch bedingten Struktur zuordnen konnten. Die Vertiefung dieses Themas im Hinblick auf die Fälschungserkennung  wurde in einem DACH-Projekt mit Partnern aus Österreich und Deutschland angestrebt und zweimal abgelehnt.

PS Vielen Dank für das Gespräch!

In der Nähe von Snamenka, Kasachstan, 2010. Der von den Einheimischen «Atomsee» genannte Krater entstand 1965 nach einer unterirdischen Atombombenexplosion.
In der Nähe von Snamenka, Kasachstan, 2010. Der von den Einheimischen «Atomsee» genannte Krater entstand 1965 nach einer unterirdischen Atombombenexplosion.
Dolon, Kasachstan, 2010. Der geistig behinderte Alexander, geboren 1958, ist in allem auf fremde Hilfe angewiesen. Seine Mutter, Ludmila Schakworostowa hat zwei Söhne, die beide durch die Auswirkungen der Atombomentests schwer krank sind. In ihrer geistigen Entwicklung sind sie auf der Stufe eines Kleinkinds stehen geblieben.
Dolon, Kasachstan, 2010. Der geistig behinderte Alexander, geboren 1958, ist in allem auf fremde Hilfe angewiesen. Seine Mutter, Ludmila Schakworostowa hat zwei Söhne, die beide durch die Auswirkungen der Atombomentests schwer krank sind. In ihrer geistigen Entwicklung sind sie auf der Stufe eines Kleinkinds stehen geblieben.
Wolgograd (1925-1961 Stalingrad), Russische Föderation, 2009. Am 9. Mai, dem «Tag des Siegs» fotografieren sich die Besucher zusammen mit der Ehrenwache der russischen Armee.
Wolgograd (1925-1961 Stalingrad), Russische Föderation, 2009. Am 9. Mai, dem «Tag des Siegs» fotografieren sich die Besucher zusammen mit der Ehrenwache der russischen Armee.
Paris, Frankreich, 2014. Stand der russischen Rüstungsfirma Rosoboronexport an der Waffenmesse Eurosatory. 1504 Aussteller aus 58 Ländern ziehen rund 55770 Besucher, davon 172 offizielle Delegationen, aus 88 Ländern an. Rosoboronexport ist der Rechtsnachfolger der staatlichen Waffenexporteure der Sowjetunion und wickelt heute über 90% der russischen Waffenverkäufe ab.
Paris, Frankreich, 2014. Stand der russischen Rüstungsfirma Rosoboronexport an der Waffenmesse Eurosatory. 1504 Aussteller aus 58 Ländern ziehen rund 55770 Besucher, davon 172 offizielle Delegationen, aus 88 Ländern an. Rosoboronexport ist der Rechtsnachfolger der staatlichen Waffenexporteure der Sowjetunion und wickelt heute über 90% der russischen Waffenverkäufe ab.
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Interview
Patricia Schneider

Meinrad Schade – Krieg ohne Krieg

Seit über zehn Jahren bereist Meinrad Schade ehemalige Gebiete der Sowjetunion wie die russischen Teilrepubliken Tschetschenien und Inguschetien, Kasachstan, Nagorny-Karabach sowie die Ukraine und hält die Spuren, die der Krieg bei den Menschen und in der Landschaft hinterlassen hat, fotografisch fest. 

FB

Seit über zehn Jahren bereist Meinrad Schade ehemalige Gebiete der Sowjetunion wie die russischen Teilrepubliken Tschetschenien und Inguschetien, Kasachstan, Nagorny-Karabach sowie die Ukraine und hält die Spuren, die der Krieg bei den Menschen und in der Landschaft hinterlassen hat, fotografisch fest. Seine Arbeiten sind zur Zeit in der Fotostiftung in Winterthur zu sehen und im Verlag Scheidegger und Spiess ist parallel zur Ausstellung eine umfangreiche Publikation erschienen. 

Meinrad Schade ist in Kreuzlingen geboren und hat nach einem Biologiestudium eine Ausbildung zum Fotografen gemacht und danach als Pressefotograf für das St. Galler Tagblatt gearbeitet. Seit 2002 ist er als selbstständiger Porträt- und Reportagefotograf tätig und wurde für seine Fotoreportagen bereits mehrfach ausgezeichnet.

  

In der Nähe von Snamenka, Kasachstan, 2010. Der von den Einheimischen «Atomsee» genannte Krater entstand 1965 nach einer unterirdischen Atombombenexplosion.

Patricia Schneider: Herr Schade, Sie richten Ihr Augenmerk auf Orte, die in den Medien keine Beachtung mehr finden, wenn der Krieg vorbei ist. Was hat Sie dazu gebracht, in die ehemaligen Kriegsgebiete zu reisen? Haben Sie eine spezielle Beziehung zur ehemaligen Sowjetunion oder gab es bereits Kontakte durch Ihre frühere Tätigkeit als Pressefotograf? 

Meinrad Schade: Das mit der ehemaligen Sowjetunion ist eher zufällig. 2001 gewann ich zusammen mit einer Kollegin ein Stipendium. Es war vorwiegend ihre Idee, eine Geschichte über die Pressefreiheit in der Ukraine zu machen. Es war mein allererster Kontakt mit einem Land der ehemaligen Sowjetunion. Natürlich üben Orte, die lange Zeit hinter dem eisernen Vorhang verborgen waren, eine grosse Anziehungskraft aus. Erst viel später kam ich aber auf mein Kriegsprojekt. Wieder in Kiew, 2007. Meine Partnerin die Russisch spricht, hatte die Idee ein Projekt über Museen in der ehemaligne Sowjetunion zu machen. So besuchten wir diverse Museen in und rund um Kiew herum. Am meisten beeindruckte mich das Kriegsmuseum, genauer das Museum zum Grossen Vaterländischen Krieg, wie der Zweite Weltkrieg in den meisten Staaten der ehemaligen Sowjetunion genannt wird. 16 gigantische Säle, eine erdrückende Architektur, im Sockel einer riesigen «Mutter Heimat ruft Statue». Das Erstaunlichste aber war für mich, dass das Museum nicht etwa nur von alten Menschen besucht wurde. Es war das beliebteste Museum ganz Kiews und wurde auch von unzählig vielen jungen Menschen, die den Krieg gar nicht erlebt hatten, besucht. Diese lebendige Erinnerungskultur warf für mich die Frage auf, wann denn ein Krieg eigentlich vorbei sei. Oder anders gesagt, wenn das Gedenken an einen Krieg wie der Zweite Weltkrieg immer noch so sichtbar ist, ist er dann wirklich vorbei? Und das nach (Stand jetzt) 70 Jahren? Dieses Erlebnis war der Beginn meines Langzeitprojekts «Vor, nach und neben dem Krieg, Spurensuche an den Rändern der Konflikte».

Patricia Schneider: Sie sind kein klassischer Kriegsfotograf, der das Geschehen an der Front festhält. Wie grenzen Sie sich als unabhängiger Reportagefotograf von dieser zuweilen sehr kurzlebigen und auf Sensation ausgerichteten Fotografie ab, und welche Facetten des Kriegs möchten Sie mit Ihrer Arbeit sichtbar machen? 

Meinrad Schade: Ich muss mich gar nicht abgrenzen. Meine Bilder sind ja etwas ganz anderes. Abgesehen davon, auch wenn ich die klassische Kriegsfotografie kritisiere, heisst das für mich nicht, dass ich sie gänzlich ablehne. Auch diese Bilder braucht es wohl. Aber sie zu machen, ist nicht «mein Ding», habe keine Begabung hierfür, auch nicht den Mut. Mir geht es vielmehr um die Alltäglichkeit, wie sich der Krieg in unseren Alltag eingeschlichen und eingenistet hat, in vielen Bereichen. Und irreversibel diese Prozesse sind. Die Halbwertszeit eines Krieges ist viel länger, als man denken mag. Ich bin zwar «unabhängiger Reportagefotograf», wie Sie das nennen, das tönt gut. Aber meine Arbeit hat keinen kommerziellen Anspruch, ich muss nicht spezielle Bilder liefern, bin nicht Markgesetzen unterworfen. Mein Geld verdiene ich mit einer anderen Art der Fotografie. 

Dolon, Kasachstan, 2010. Der geistig behinderte Alexander, geboren 1958, ist in allem auf fremde Hilfe angewiesen. Seine Mutter, Ludmila Schakworostowa hat zwei Söhne, die beide durch die Auswirkungen der Atombomentests schwer krank sind. In ihrer geistigen Entwicklung sind sie auf der Stufe eines Kleinkinds stehen geblieben.

Patricia Schneider: Sie sind Menschen begegnet, die grosses physisches und psychisches Leid erlitten haben, und zum Teil mehrfach flüchten und eine neue Existenz aufbauen mussten. Wie haben diese Leute reagiert, als sie jemand aus der Schweiz porträtieren wollte? Waren Sie als Fotograf bei der Bevölkerung willkommen? 

Meinrad Schade: Meistens war ich willkommen, ja. Ganz wichtig ist natürlich immer der sogenannte «Fixer». Ich spreche ja selten die Sprache meines «Untersuchungsgebietes», weshalb ich immer mit einem Übersetzer zusammenarbeite. Dieser ist mein Türöffner, wenn er gut arbeitet. In Kasachstan versuchte ich die Opfer der sowjetischen Atombombentests zu porträtieren. Bei denen war ich zum Teil nicht willkommen. Sie waren sehr enttäuscht über die internationale Presse. Sie sagten: «Ihr Journalisten kommt hierher, macht Eure Geschichte, geht wieder. Und unsere Situation bleibt dieselbe! Keine Verbesserung.» Jene, die ich dann fotografieren konnte, verlangten Geld. Also habe ich sie bezahlt. Zuerst ungern, weil es ja das journalistische Gesetz gibt, dass man für Informationen nicht bezahlt. Später habe ich das als kluge Strategie der Menschen vor Ort akzeptiert.

Patricia Schneider: Durch die Kraft des Augenblicks und durch eine ausserordentliche Ästhetik ziehen Ihre Bilder die Aufmerksamkeit auf sich. Mit welchem gestalterischen Anspruch versuchen Sie, Ihre Bilder zu realisieren? Dürfen Bilder, die von unglaublichen Schicksalen erzählen und auf missliche Umstände hinweisen, gleichzeitig durch ihre Schönheit auffallen?

Meinrad Schade: Ich brauche ja die Aufmerksamkeit der Betrachter. Ohne diese sind meine Bilder wertlos. Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, diese zu erlangen. Meine gestalterischen Richtlinien lassen sich kurz so zusammenfassen: ich habe nicht gerne Effekthascherei. Also z.B. keine übertriebenen Perspektiven. Meine Bilder sollen mehr oder weniger natürlich wirken, nahe am «realen» Leben, keine übertriebene Farbigkeit, keine unnatürlichen Kontraste, keine Moden mitmachen (die wieder vergehen, flüchtig sind, beispielsweise die ungesättigte Farbgebung). Bleibt mir also vor allem der Moment, die Lichtgebung und die Komposition. Für mich nach wie vor, wichtige Pfeiler der Dokumentarfotografie, wie ich sie verstehe resp. der Fotografie an sich! Das mit der Schönheit und den misslichen Umständen ist natürlich eine Gratwanderung. Natürlich möchte ich nicht überästhetisierte Bilder des Grauens machen, aber ich möchte das Grauen auch nicht noch grauenvoller darstellen, als es schon ist. Ich versuche auch «schöne» Bilder zu machen, die aber auf den zweiten Blick einen Bruch aufweisen. 

Patricia Schneider: Ihre Bilder sind geprägt von Brüchen: Die schöne Landschaft erweist sich nach dem Lesen der Bildlegende als verseuchtes Atomtestgelände und beim intimen Familienbild erfährt man, dass diese Leute Strahlenopfer sind, die ihre gegenwärtige Existenz nur unter den schwierigsten Bedingungen bewältigen können. Konnten Sie durch ihre Arbeit bewirken, dass für diese Menschen etwas getan wird? Arbeiten Sie allenfalls mit Hilfswerken wie Green Cross zusammen, die sich für die Opfer der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl einsetzen?

Meinrad Schade: Nein, ich denke nicht, dass meine Arbeit den Menschen vor Ort irgendwie geholfen hat. Das wäre natürlich schön und manchmal denke ich, ich sollte mehr in diese Richtung arbeiten. Es gibt ja immer wieder auch gelungene Beispiele hierfür. Ab und zu fotografiere ich für Hilfswerke, aber eine von mir initiierte Zusammenarbeit die mit meinem Projekt zusammenhängt, hat bis jetzt noch nicht stattgefunden. 

Patricia Schneider: Das Fotografieren von Übungsplätzen oder militärischen Einrichtungen dürfte kein einfaches Unterfangen gewesen sein. Mussten Sie für ihre Reportagen Bewilligungen einholen und wurde Ihre Arbeit durch die Behörden eingeschränkt? Befürchten Sie, dass die Publikation Ihrer Arbeiten Ihre Bewegungsfreiheit als Fotograf künftig beeinträchtigen könnte?

Meinrad Schade: Bewilligungen einzuholen, ist eine Kerntätigkeit dokumentarfotografischer Arbeit, klar. Und man kann nie das fotografieren, was man alles will. Man ist immer mit Einschränkungen konfrontiert und versucht, das Beste daraus zu machen. Ich hoffe nicht, dass die Publikation meiner Arbeiten, meine Bewegungsfreiheit als Fotograf einschränken wird. Wobei ein Beispiel gibt es zu nennen: Da ich in Berg-Karabach fotografiert habe, diese Fotos publiziert wurden, bin ich nun auf der «Blacklist» von Aserbeidschan, kann dort nicht einreisen. Wie lange diese Sperre anhält, weiss ich nicht. Schade, wäre gerne mal nach Baku gereist. 

Wolgograd (1925-1961 Stalingrad), Russische Föderation, 2009. Am 9. Mai, dem «Tag des Siegs» fotografieren sich die Besucher zusammen mit der Ehrenwache der russischen Armee. Paris, Frankreich, 2014. Stand der russischen Rüstungsfirma Rosoboronexport an der Waffenmesse Eurosatory. 1504 Aussteller aus 58 Ländern ziehen rund 55770 Besucher, davon 172 offizielle Delegationen, aus 88 Ländern an. Rosoboronexport ist der Rechtsnachfolger der staatlichen Waffenexporteure der Sowjetunion und wickelt heute über 90% der russischen Waffenverkäufe ab.

Patricia Schneider: Sie fotografieren auch «Kriegsschauplätze» wie die «War & Peace Show» in England, bei denen Kriegsszenen nachgespielt werden, oder eine Waffenmesse in Paris, die sich fern ab von den Krisengebieten befinden. Diese Fotografien verdeutlichen eine tiefverwurzelte Faszination für den Krieg in der heutigen Gesellschaft und zeigen vor allem auch, dass jeder Krieg ein Geschäft ist. Sind Ihre Bilder als eine Kritik gegen Firmen und Staaten zu verstehen, die mit ihren Waffenexporten dafür sorgen, dass die Kriege andauern? 

Meinrad Schade: In gewisser Weise ja. Doch wie stark können wir uns von diesen Firmen und Staaten abgrenzen? Geht es dem Wirtschaftsstandort Schweiz gut, geht es auch mir als «Kulturschaffender», als Fotograf gut. Dass Rohstoffe in Staaten, die von Kriegen gebeutelt sind, gewonnen werden, hat einen grossen Einfluss auf mein Leben hier in der Schweiz? Wie teuer wäre ein iPhone, wenn es «sauber» wäre? 

Patricia Schneider: Ist mit der Publikation und der Ausstellung das Thema «Krieg ohne Krieg» für Sie abgeschlossen, oder werden Sie die Thematik weiter verfolgen? Darf man erfahren, welche Projekte Sie als nächstes planen? 

Meinrad Schade: Ausstellung und Buch ist «nur» ein Zwischenstand. Zur Zeit fahre ich in Israel und Palästina am Projekt weiter.

Patricia Schneider: Herzlichen Dank für ihre Auskünfte. 

 Weitere Informationen:
Meinrad Schade: www.meinradschade.ch
Ausstellung: Meinrad Schade – «Krieg ohne Krieg», Fotostiftung Schweiz im Fotomuseum Winterthur: 7.3. – 17.5. 2015
Publikation: Meinrad Schade: «Krieg ohne Krieg»,Fotografien aus der ehemaligen Sowjetunion. 
Verlag Scheidegger & Spiess. Zürich 2015. 264 Seiten. 54 Franken. 
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Text
Patricia Schneider

Vibrationen am Rande des Spielfelds

in Linienrichter muss seine Entscheidungen innert kürzester Zeit fällen und liegt durchschnittlich in neun von zehn Fällen richtig. Um diese gute Quote noch zu verbessern, arbeiten sie auch mit Trainingssoftware.

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Seit dem 10. Juni haben die Fussballbegeisterten ihre Agenda wieder mal voll auf die Europameisterschaft ausgerichtet. Es ist dabei nicht getan, die verschiedenen Spiele zu verfolgen, sondern diese müssen auch noch vor, während und nach dem Spiel ausgiebig analysiert und diskutiert werden. Auch in zahlreichen Fernsehstudios werden die Entscheidungen der Schieds- und Linienrichter von Experten kommentiert und die einzelnen Spielzüge mit Hilfe von Videoanalysetools unter die Lupe genommen.

Dabei stellt sich ganz grundsätzlich die Frage, wie viel technische Hilfe die Unparteiischen während des Spiels in Anspruch nehmen sollen. Die einen verlangen den Einsatz von Videobeweisen, um falsche Entscheidungen zu verhindern oder gar nachträglich zu korrigieren und andere befürchten einen Verlust von Dynamik, wenn solche technischen Hilfsmittel eingesetzt würden.

In diesem Zusammenhang bietet das Patent „Verfahren zur Erfassung und Signalisierung von Abseitspositionen in Echtzeit“ (DE 10 2005 023 298) von Prof. Dr. Oliver Lubrich, der an der Universität Bern Neuere Deutsche Literatur und Komparatistik lehrt, möglicherweise einen interessanten Kompromiss an. Herr Lubrich hat einen Algorithmus entwickelt, welcher dem Linienrichter ein Vibrationssignal über den Griff seiner Fahne übermittelt, sobald eine Abseitsposition gegeben ist. Er kann darauf hin selber entscheiden, ob er das das Spiel laufen lässt, wenn es sich beispielsweise um ein passives Abseits handelt. Das Spiel würde dabei nicht gestört und gleichzeitig könnten Fehlentscheidungen, die im Fall von Abseits regelmässig spielentscheidende Folgen haben, minimiert werden. Neben dem unsichtbaren Einsatz im Spiel kann die Erfindung auch im Training eingesetzt werden. Da Spieler und Ball mit einem Chip ausgerüstet sind, kann nicht nur ihre Position exakt bestimmt werden, sondern es kann ihnen durch ein Lichtsignal auch eine potentielle Abseitsposition angezeigt werden. So können Verteidiger und Angreifer den taktischen Umgang mit Abseitsfallen noch präziser einüben. Das Patent von Herrn Lubrich wurde am 21. Februar 2008 publiziert. In der Praxis existiert jedoch noch kein Produkt, welches auf diesem System basiert. Detailliertere Informationen zum Patent finden sich unter google.com/patents.

 

Ein Linienrichter muss seine Entscheidungen innert kürzester Zeit fällen und liegt durchschnittlich in neun von zehn Fällen richtig. Um diese gute Quote noch zu verbessern, arbeiten sie auch mit Trainingssoftware. Das Institut für Sportwissenschaften der Universität Bern hat ein Trainingstool entwickelt, um Abseitssituationen zu trainieren. Es befindet sich noch in der Testphase, kann aber bereits ausprobiert werden. Innert fünf Sekunden muss man sich bei der jeweiligen Spielszene entscheiden, ob es sich um ein „Offside“ handelt: 

Weiterführende Links zum Thema: 
www.fussball-em-2016.com 
www.tagesspiegel.de 
www.srf.ch
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Text
Patricia Schneider

Konsumkritik!

Gibt es Alternativen zur Konsumhysterie? Ja! Hier ein paar Vorschläge.

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Haluan nähdä muutakin

„Haluan nähdä muutakin” (Ich will etwas anderes sehen) Dieser Text wurde im letzten Winter eine Woche lang an 21 Bus- und Strassenbahnhaltestellen in Helsinkis Innenstadt gezeigt. Elissa Erikson von der Aalto University of Art and Design hatte die Werbeflächen als Teil ihrer Abschlussarbeit für die nicht kommerzielle Botschaft gemietet. Finanziert wurde das Projekt durch 1458 Menschen, die dem Aufruf der Studentin über Facebook gefolgt waren und sich für durchschnittlich 4,20 € sieben Tage lang eine Alternative zu den Werbeversprechen der Industrie erkauften. Um eine Debatte über die Gestaltung des öffentlichen Raums auszulösen, wurden die Teilnehmer aufgefordert zu erzählen, was sie an Stelle der Werbungen lieber sehen möchten – diese Texte wurden ebenfalls abgedruckt.?
http://haluannahdamuutakin.wordpress.com/in-english/

Michael Landy – Breakdown

Ein radikales Selbstexperiment machte der britische Künstler Michael Landy, der im Februar 2001 während der 14 tägigen Aktion „Breakdown“ seinen gesamten Besitz zerstörte und damit die Beziehung zwischen Individuum, Besitz und Identität thematisierte. Die Vernichtungsaktion sollte ihn zeitweilig aus einem System befreien, das sich ständig selber reproduziert. Welche Folgen die Zerstörung seines materiellen Lebens auf seine Arbeit hatte, erläutert er ein Jahrzehnt später: 
www.arte.tv/de/der-kuenstler-michael-landy/3807294,CmC=3836416.html

Bikinirama

Die Performance-Künstlerinnen von Bikinirama zertrümmern iPhones und Apple Computer mit Beil und Vorschlaghammer als Zeichen gegen den Markenfetischismus und den Konsumterror. Um die Aufmerksamkeit auf ihre trashigen Aktionen zu lenken, bedienen sie sich selber der einfachsten Werbemethode und zerstören die Geräte im Bikini, welches sie als Auflehnung gegen die inflationäre Nacktheit in den Medien verstehen. Inzwischen haben ihre Youtube- Filme, die sie bestimmt nur mit nachhaltig produzierten Geräten erstellt haben, Kultstatus erreicht.
?www.bikinirama.de

Neo-Minimalismus

Mit wie wenig Gegenständen kann man eigentlich in unserer Gesellschaft leben? Die Neo-Minimalisten haben keine Freude am Konsum von materiellen Gütern und sehen ihre grösst mögliche Freiheit im Verzicht von allem Überflüssigen. Ihr Zuhause ist lediglich mit einem Bett und einem Laptop bestückt und die Habseligkeiten passen idealerweise in einen Rucksack.
http://videos.arte.tv/de/videos/neo_minimialisten_weniger_ist_mehr–6270122.html

Décroissance

Sind wir im kapitalistischen System gefangen oder gibt es eine Alternative? Décroissance ist eine Bewegung von Menschen, die sich aktiv gegen den Wachtumszwang unserer Wirtschaft wendet und alternative Lösungen sucht.?
http://www.decroissance-bern.ch

Viele weitere Links unter:
php5.arte.tv/yourope/de/2011/12/11/faktencheck-konsumkritik
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Text
Patricia Schneider

Konstruierte Welten

Stadtpläne, Karten und kartographische Darstellungen helfen uns bei der Orientierung und können spezifische Aspekte unserer Welt visualisieren. Der Versuch die Realität zu erfassen und darzustellen ist immer eine subjektive Konstruktion. Die folgenden Abbildungen verweisen auf unterschiedliche Projekte die sich mit kartographischen Darstellungen oder der Wahrnehmung von Stadträumen beschäftigen.

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UTOPIE AUS PAPIER: Im Kunstprojekt  "Home Sweet Home", das im Rahmen des Festivals Theaterformen durchgeführt wurde, konnten die Bewohner von Braunschweig ihre Stadt aus farbigem Papier neu entwerfen.
UTOPIE AUS PAPIER: Im Kunstprojekt  "Home Sweet Home", das im Rahmen des Festivals Theaterformen durchgeführt wurde, konnten die Bewohner von Braunschweig ihre Stadt aus farbigem Papier neu entwerfen.
SURREALER WELTENTWURF: Die Weltkarte die Yves Tanguy 1924 entworfen hat, stellt die Sicht auf unsere Welt radikal infrage und kann als surrealistisches Manifest verstanden werden.
SURREALER WELTENTWURF: Die Weltkarte die Yves Tanguy 1924 entworfen hat, stellt die Sicht auf unsere Welt radikal infrage und kann als surrealistisches Manifest verstanden werden.
MENTAL MAPS: Der selbstständiger Grafik-Designer Ole Häntzschel  hat sich auf  illustrative Karten spezialisiert, welche komplizierte Sachverhalte oder komplexe Daten anschaulich und auf ästhetische Weise visualisieren.Wie relativ unsere Wahrnehmung von Raum ist, veranschaulicht seine Arbeit Mental Maps, welche die Vorstellungen eines bestimmten geografischen Raums von verschiedenenen Personen vergleicht.
MENTAL MAPS: Der selbstständiger Grafik-Designer Ole Häntzschel  hat sich auf  illustrative Karten spezialisiert, welche komplizierte Sachverhalte oder komplexe Daten anschaulich und auf ästhetische Weise visualisieren.Wie relativ unsere Wahrnehmung von Raum ist, veranschaulicht seine Arbeit Mental Maps, welche die Vorstellungen eines bestimmten geografischen Raums von verschiedenenen Personen vergleicht.
ANAGRAMMES GRAPHIQUES DE PLANS DE VILLES: Die französische Künstlerin Armelle Caron baut die Stadtpläne verschiedener Grossstädte in dekonstruktivistischer Manier um und schafft damit neue Bildräume.
ANAGRAMMES GRAPHIQUES DE PLANS DE VILLES: Die französische Künstlerin Armelle Caron baut die Stadtpläne verschiedener Grossstädte in dekonstruktivistischer Manier um und schafft damit neue Bildräume.
IMMATERIELLER VORSCHLAG AUF WEISS ZU WANDELN: Anett Frontzek hat sich während ihrem Artist in Residence Aufenthalt in Winterthur ihre eigene Schweizer Bergwelt gebaut. Die feinen Netze stellen Vorschläge für Skirouten dar, welche sie aus ihrem kartographischen Umfeld herausgelöst hat.
IMMATERIELLER VORSCHLAG AUF WEISS ZU WANDELN: Anett Frontzek hat sich während ihrem Artist in Residence Aufenthalt in Winterthur ihre eigene Schweizer Bergwelt gebaut. Die feinen Netze stellen Vorschläge für Skirouten dar, welche sie aus ihrem kartographischen Umfeld herausgelöst hat.
DÉRIVÉ UND PSYCHOGEOGRAFIE: Die Situationisten versuchten in den fünfziger Jahren die unmittelbare Wirkung ihres geographischen Milieus auf das Verhalten der Individuen zu untersuchen. Mit der Methode die sie dérivé, was übersetzt sich treiben lassen, umherschweifen oder abdriften bedeutet, den Stadtraum neu zu erfahren. Das Umherschweifen im engeren Sinne ist eine kollektiv organisierte Erkundung bisher unentdeckter Nutzungsmöglichkeiten des Stadtraums. Dabei soll die kapitalistische Umwelt und die Wirkung der urbanen Umgebung auf kritische Weise erforscht werden. Die Beteiligten verzichten dabei über längere Zeit auf ihre Arbeit und ihre Beziehungen, um sich im urbanen Raum treiben zu lassen. Diese Erkundungen grenzen sich klar vom Reisen oder Spazieren ab, da sie den zufälligen und spielerischen Ansatz lediglich nutzen, um zu neuen Erkenntnissen zum menschlichen Verhalten im Bezug auf die räumlichen Strukturen zu gelangen. Die Psychogeografie, wie die Situationisten diese Untersuchungsmethode nennen, kartographiert die urbane Umwelt mit ihren Handlungsspielräumen, um die Möglichkeiten für eine revolutionäre Praxis zu sondieren. Sie verstehen diese Forschung als neue Wissenschaft, deren Theorien sie unter dem Begriff "Unitärer Urbanismus" zusammenfassen.
DÉRIVÉ UND PSYCHOGEOGRAFIE: Die Situationisten versuchten in den fünfziger Jahren die unmittelbare Wirkung ihres geographischen Milieus auf das Verhalten der Individuen zu untersuchen. Mit der Methode die sie dérivé, was übersetzt sich treiben lassen, umherschweifen oder abdriften bedeutet, den Stadtraum neu zu erfahren. Das Umherschweifen im engeren Sinne ist eine kollektiv organisierte Erkundung bisher unentdeckter Nutzungsmöglichkeiten des Stadtraums. Dabei soll die kapitalistische Umwelt und die Wirkung der urbanen Umgebung auf kritische Weise erforscht werden. Die Beteiligten verzichten dabei über längere Zeit auf ihre Arbeit und ihre Beziehungen, um sich im urbanen Raum treiben zu lassen. Diese Erkundungen grenzen sich klar vom Reisen oder Spazieren ab, da sie den zufälligen und spielerischen Ansatz lediglich nutzen, um zu neuen Erkenntnissen zum menschlichen Verhalten im Bezug auf die räumlichen Strukturen zu gelangen. Die Psychogeografie, wie die Situationisten diese Untersuchungsmethode nennen, kartographiert die urbane Umwelt mit ihren Handlungsspielräumen, um die Möglichkeiten für eine revolutionäre Praxis zu sondieren. Sie verstehen diese Forschung als neue Wissenschaft, deren Theorien sie unter dem Begriff "Unitärer Urbanismus" zusammenfassen.
THE UPSIDEDOWN MAP PAGE: Wieso ist der Norden eigentlich immer oben? Francis sammelt und kommentiert Karten die für das westliche Auge auf dem Kopf stehen.
THE UPSIDEDOWN MAP PAGE: Wieso ist der Norden eigentlich immer oben? Francis sammelt und kommentiert Karten die für das westliche Auge auf dem Kopf stehen.
A MAP OF THE WORLD: Einen Gegenpool zu den immer genauer erfassten Karten von Google Map bietet diese Sammlung zeitgenössischer Illustrationen. Der Band wurde im  Januar 2013 im Gestalten Verlag herausgegeben.
A MAP OF THE WORLD: Einen Gegenpool zu den immer genauer erfassten Karten von Google Map bietet diese Sammlung zeitgenössischer Illustrationen. Der Band wurde im  Januar 2013 im Gestalten Verlag herausgegeben.
BLINDE FLECKEN AUF GOOGLES WELTKARTE: Seit Google Earth die Welt aufs genaueste erfasst, gibt es sofort Gerüchte und Verschwörungstheorien, wenn eine Stelle auf der Karte nicht erscheint.
BLINDE FLECKEN AUF GOOGLES WELTKARTE: Seit Google Earth die Welt aufs genaueste erfasst, gibt es sofort Gerüchte und Verschwörungstheorien, wenn eine Stelle auf der Karte nicht erscheint.
Lilypad
Lilypad
Lilypad
Lilypad
Museum I
Museum I
Cloud Cities
Cloud Cities
Nakagin Capsule Tower
Nakagin Capsule Tower
Nakagin Capsule Tower
Nakagin Capsule Tower
9 hours Capsule Hotel
9 hours Capsule Hotel
9 hours Capsule Hotel
9 hours Capsule Hotel
9 hours Capsule Hotel
9 hours Capsule Hotel
Everland Hotel
Everland Hotel
Everland Hotel
Everland Hotel
Big Investconsult Water Discus Hotel
Big Investconsult Water Discus Hotel
Kugelmugel
Kugelmugel
Kugelmugel Grenzschild
Kugelmugel Grenzschild
A-Z Homestead Units
A-Z Homestead Units
Mars One
Mars One
Mars One
Mars One
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Text
Patricia Schneider

"Now it’s time to leave the capsule if you dare"*

*aus dem Song „Space Oddity“ von David Bowie, 1969

Die Aufforderung in David Bowies Song „Space Oddity“ entspringt der alten Sehnsucht nach dem Andern, dem Unbekannten im Weltraum. Vielleicht warten da draussen die Ressourcen, die uns bald ausgehen oder welche die wir noch gar nicht kennen. Die Vorstellung von der Welt ausserhalb der Kapsel ist eine Quelle für visionäre Projekte, die sich im Spannungsfeld verschiedener Disziplinen bewegen. weiterlesen

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Die Aufforderung in David Bowies Song „Space Oddity“ entspringt der alten Sehnsucht nach dem Andern, dem Unbekannten im Weltraum. Vielleicht warten da draussen die Ressourcen, die uns bald ausgehen oder welche die wir noch gar nicht kennen. Die Vorstellung von der Welt ausserhalb der Kapsel ist eine Quelle für visionäre Projekte, die sich im Spannungsfeld verschiedener Disziplinen bewegen. Der belgische Architekt Vincent Callebaut hat mit „Lilypad“ (Abb. 1+2) die Vision einer schwimmenden Stadt entwickelt, die potentiellen Klimaflüchtlingen einen neuen klimaneutralen Lebensraum bietet. Auch der Finne Ilkka Halso beschäftigt sich in seinen künstlerischen Projekten mit dem Verhältnis von Mensch und Natur. Seine Installation „Museum I“ (Abb. 3) hinterfragt das Selbstverständnis der Menschen, die nach wie vor denken, dass sich die Natur kontrollieren lässt. Mit „Cloud Cities“ (Abb. 4) entwickelte Tomás Saraceno im Hamburger Bahnhof in Berlin eine dreidimensionale Vision einer utopischen Lebenswelt. Seine kapselartigen Module, die zum Teil bewachsen und begehbar sind, scheinen als organisches Raumgeflecht im Raum zu schweben. Der „Nakagin Capsule Tower“ (Abb. 5+6) von Kisho Kurokawa dagegen ist keine Utopie mehr. Das dreizehnstöckige Gebäude ist aus einzelnen Kapseln aufgebaut, die als Wohn- und Büroräume genutzt und bei Bedarf ausgetauscht oder zu grösseren Einheiten verbunden werden können. Die standardisierten Wohneinheiten, die in ihrer Grösse und Ausstattung sehr beschränkt sind, verstehen sich als Prototyp für einen verdichteten Städtebau. Die mobilen Einheiten können dabei gemäss den Grundsätzen des Metabolismus als Konstruktionsprinzip für ganze Städte dienen. Bisher wurden allerdings noch keine Kapseln ausgetauscht und der Turm befindet sich nach vierzig jährigem Bestehen in einem schlechten Zustand. Noch viel kleiner und reduzierter sind die Einheiten der Kapselhotels, welche den japanischen Geschäftsleuten und immer mehr auch den gestrandeten Reisenden in internationalen Flughäfen eine günstige Schlaf- und Rückzugsmöglichkeit bieten. Das neu konzipierte „9 hours Capsule Hotel“ (Abb. 7–9) in Kyoto soll nicht nur die Grundbedürfnisse abdecken, sondern auch aus ästhetischer Sicht überzeugen. An der Schnittstelle von Kunst und Design bewegt sich das Künstlerpaar Lang/Baumann, mit ihrem „Everland Hotel“ (Abb. 10+11), welches sie als mobile Einheit erstmals an der Expo 2002 installiert haben. Ihr besonderes Augenmerk haben sie dabei auf das Farbkonzept und die multifunktionalen Nutzungsmöglichkeiten der Innenausstattung gerichtet. Unter dem vielversprechenden Namen „Water Discus Hotel & Underwater Animal Coral Garden“ (Abb. 12) sollte in Dubai eine Zuger Firma das modernste Unterwasserhotel der Welt bauen. Der Komplex besteht aus mehreren tellerförmigen Kapseln, die sich über oder unter dem Wasser befinden und durch Säulen miteinander verbunden sind. Die Pläne mussten inzwischen aber aus technischen und finanziellen Gründen auf Eis gelegt werden. Mit Widerständen anderer Art wurde der Österreicher Edwin Lipburger konfrontiert, als er seine Vision eines kugelförmigen Baus ohne Baugenehmigung realisierte. Weil er auch noch gegen weitere Rechte verstiess, musste er wegen Amtsanmassung eine Gefängnisstrafe verbüssen. Inzwischen steht die Kugel hinter dem Plantetarium im Wiener Prater und Lipburger hat innerhalb seiner umzäunten Kapsel die Republik „Kugelmugel“ (Abb. 13+14) ausgerufen. Ob sich nun hinter oder vor dem Zaun die grosse Freiheit befindet, sei dahingestellt. Über die ganze Welt verteilt leben jedenfalls über sechshundert Personen, die sich per Dokument als Staatsbürger von Kugelmugel ausweisen können. Während sich die einen in ihre Kapsel zurückziehen und sich auf deren Ausgestaltung fokussieren, hat bei anderen Projekten die Kapsel vorallem eine Schutzfunktion vor der unwirtlichen Umgebung. Mit ihren Living Units ist Andrea Zittel bestrebt, einen Beitrag zur Erforschung individueller und damit auch gesellschaftsrelevanter Zustände zu leisten. Mit ihren „A-Z Homestead Units“ (Abb. 15) entwickelt sie Kapseln, die den klimatischen Extremen der kalifornischen Wüste trotzen. Ihre Arbeit untersucht das Spannungsverhältnis zwischen dem Innen und dem Außen, zwischen dem Bedürfnis nach Rückzug und dem Verlangen nach sozialem Austausch. Der Wunsch nach einem Aufbruch in unbekannte Regionen ist nach wie vor ungebrochen. Mas Lansdorp will im Jahr 2023 Menschen zum Mars schicken und das Ganze finanzieren, indem er die Mission als Reality-Show im Fernsehen austrägt. Bereits 78’000 Menschen haben sich bei seiner Gesellschaft „Mars One“ (Abb. 16+17) beworben, obwohl klar ist, dass die Rückkehr vom roten Planeten nicht möglich und nicht vorgesehen ist. Obwohl zahlreiche Fragen noch ungeklärt sind  – insbesondere, ob der Mensch überhaupt auf dem Mars leben könnte –  scheint die Verlockung nach dem Fremden grösser zu sein, als die Angst vor dem Scheitern. Zumindest gedanklich haben Lansdorp und die Astronautenanwärter die Kapsel bereits verlassen.

Lilypad Lilypad Museum I Cloud Cities Nakagin Capsule Tower Nakagin Capsule Tower 9 hours Capsule Hotel 9 hours Capsule Hotel 9 hours Capsule Hotel Everland Hotel Everland Hotel Big Investconsult Water Discus Hotel Kugelmugel Kugelmugel Grenzschild A-Z Homestead Units Mars One Mars One  

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Recherche
Patricia Schneider

Klangarchive im Internet

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Die Musikbibliothek der Hochschule der Künste ist eine öffentlich zugängliche Spezialbibliothek mit Medien zur Musikpraxis. Ihr Bestand umfasst rund 45’000 Notendrucke (inkl. Aufführungsmaterialien), 6000 Fachbücher, 5000 CDs/DVDs, 1000 Rara und 60 laufende Musikzeitschriften. Über einen Hörplatz kann auf die Tondokumente der Schweizerischen Nationalphonothek online zugegriffen werden. http://www.hkb.bfh.ch/de/campus/bibliotheken/musikbibliothek/http://www.stub.unibe.ch/aleph/biblinfo/b420.html

Die British Library stellt eine Auswahl von 50000 Aufnahmen mit Audiodateilen zur Verfügung. Hier der Link mit Beispielen zu Arts, Literature & Performance. Unter der Rubrik Between Two Worlds: Poetry & Translation, werden seit 2008 Aufnahmen von zeitgenössischen Autoren gesammelt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. http://sounds.bl.uk/Arts-literature-and-performance/http://sounds.bl.uk/Arts-literature-and-performance/Between-two-worlds-poetry-and-translation#sthash.LCveFMPB.dpuf

Das Tierstimmenarchiv des Museums für Naturkunde Berlin enthält mehr als 30 000 Aufnahmen, welche in Form einer Online-Datenbank angehört werden können. http://www.tierstimmenarchiv.de/http://www.tierstimmenarchiv.de/schuelerportal/

Geräusch-Schatulle: Das Schweizer Radio DRS bietet eine kleine  Auswahl von Tönen und Geräuschkulissen zum freien Download an: http://drs.srf.ch/www/de/drs1/sendungen/top/hoerspiel-drs-1/119277.geraeusch-schatulle.html

Auf tonarchiv.de und tonarchiv.net können viele verschiedene Sounds, Klänge, Loops und Geräusche im MP3-Format kostenlos und lizenzfrei heruntergeladen werden. Mit einem Abonnement erhält man Zugriff auf ein grösseres Archiv. http://www.tonarchiv.de/http://www.tonarchiv.net/index.php,http://www.tonarchiv.net/service/tonarchiv/

Klangarchive und Museen: Katalog der Fachhochschule Norwestschweiz http://www.schulfachmusik.ch/klangarchive-und-museen

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Interview
Patricia Schneider

Interview mit einer Bloggerin

Patricia Schneider: Als Mme Hervé betreibst du seit fünf Jahren einen Design-Blog. Was war die Motivation mit dem Bloggen zu beginnen und wieso bloggst du unter einem Pseudonym?
Mme Hervé: (…) Der Austausch mit anderen Bloggern, die oftmals auch einen professionellen Hintergrund haben, gibt mir einen Einblick in die internationale Designszene direkt an der Quelle. Mein Blog ist ein Experimentierfeld, bei dem es nicht um meine Person geht. (…)

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Patricia Schneider: Als Mme Hervé betreibst du seit fünf Jahren einen Design-Blog. Was war die Motivation mit dem Bloggen zu beginnen und wieso bloggst du unter einem Pseudonym?

Mme Hervé: Um mich mit anderen Bloggern austauschen zu können, benötige ich eine eigene «Homebase» über die ich meine Interessen und Themen kommunizieren kann. Der Austausch mit anderen Bloggern, die oftmals auch einen professionellen Hintergrund haben, gibt mir einen Einblick in die internationale Designszene direkt an der Quelle. Mein Blog ist ein Experimentierfeld, bei dem es nicht um meine Person geht.

PS: Dein Blog hat eine inhaltliche und eine zeitliche Struktur. Inwiefern hat dein Blog eine Parallele zu einem Tagebuch? Kannst du allenfalls Beispiele nennen, bei denen das noch deutlicher der Fall ist?

MH: Es gibt eigentlich nur Parallelen zum ?Tagebuch wenn ich an einer Messe bin oder wenn ich über einen aktuellen Anlass schreibe. Ansonsten wird der Blog inhaltlich und nicht tagebuchartig geführt. So genannte Tagebuch-Blogs gibt es vorwiegend bei «Selbsthilfe-Blogs», bei denen das Schreiben einen therapeutischen Zweck erfüllt. Ich habe festgestellt, dass viele «junge» Mütter bloggen, um sich auszutauschen. Angeblich werden etwa 85% der Blogs von Frauen geführt! Hier ein paar Beispiele:Tagebuch einer Illustratorin aus Deutschland, die über ihre Arbeit und ihr Leben schreibt:? bastisRIKE, Fine Little Day Viele Blogger publizieren regelmässig «my week in pictures»: Chez Larsson: 366: Day 247-253 Lisa Congdon hat zunächst täglich ein Bild publiziert und dieses Material schliesslich als Buch herausgegeben: Collection a Day, A Collection a Day, 2010 Ein «krasses» Beispiel ist die Frau, die den Blog ihrer bei einem Unfall verunfallten Schwester weiterführt und damit hohe Spendenbeträge sammelt. (Dieser Blog ist sehr religiös auch sehr amerikanisch.) ?nienie

PS: War der inhaltliche Rahmen immer schon klar definiert oder hat sich das mit der Zeit verändert? Nach welchen Kriterien wählst du die Inhalte aus, die du besprichst?

MH: Der Blog entwickelt sich ständig weiter, daher lässt sich die Veränderung nicht richtig beschreiben. Die Auswahl der Inhalte ist eher intuitiv und folgt keiner klar definierten Strategie. Die Inhalte müssen mich ansprechen, mein Interesse wecken und müssen vor allem auch in der Blogwelt neu sein.

PS: Wo findet man neue und innovative Produkte und wie sehen deine Recherchestrategien aus? Wie gehst du mit dem Copyright um?

MH: Ich lese täglich etwa achtzig Blogs, die ich in einem Reader zusammengestellt habe und den ich auch immer wieder anpasse. Zudem erhalte ich viele Mails mit Hinweisen und Projekten. Mit dem Copyright gehe ich möglichst korrekt um: Ich verlinke die Hinweise mit den Quellen und den Designern. Auf die Fotografen müsste man eigentlich auch noch verweisen, aber dazu bin ich meist zu faul…

PS: Gibt es einen Austausch in der Blog-Community und wie findet der statt? Welche interessanten Blogs verfolgst du selber regelmässig?

MH: Der Austausch findet meist via Twitter, Instagram (das ist meist sehr persönlich, da es Bilder aus dem täglichen Leben sind), Pinterest oder Mail statt. Facebook scheint nicht die Plattform der Designer zu sein. Wenn ich etwas sehe, das  zu einem bestimmten Blog passt, schicke ich das auch weiter. Mit einigen Bloggern habe ich jahrelang einen sehr intensiven Austausch gepflegt und sie erst dann im richtigen Leben kennengelernt – interessanterweise war das kein grosser Unterschied zum virtuellen Raum.

PS: Wie grenzt sich ein Blog von anderen Formaten wie beispielsweise einem Design-Magazin ab?

MH: Der Blog ist für mich aktueller, schneller und hat mehr Hintergrundinformationen. Jaja, ich glaube nicht mehr an die Design-Magazine…

PS: Wie regelmässig veröffentlichst du neue Beiträge und wie viel Zeit investierst du in ?dieses Projekt? Sind alle Beiträge von dir? Könntest du dir auch vorstellen im Team zu ?arbeiten?

MH: Ich poste drei bis fünf Beiträge pro Woche und investiere pro Tag durchschnittlich zwei Stunden dafür. Wenn ich nichts Spannendes finde kann es auch mal weniger sein. Die Beiträge sind alle von mir, aber ich habe das Gefühl, dass ich in einem Team arbeite, das aus der ganzen Community besteht.

PS: Ergibt sich aus deiner Arbeit eine finanzielle Wertschöpfung oder wie sieht dein Ertrag aus? Wie stehst du zu kommerziellen Blogs?

MH: Da ich weder gesponserte Posts annehme noch Werbung schalte, habe ich keinen finanziellen Ertrag. Mein Gewinn besteht im gegenseitigen Austausch. Als ich eine Online-Praktikumsstelle ausgeschrieben hatte, haben sich innerhalb einer Woche achtzig Leute mit sehr spannenden Bewerbungen gemeldet. Inzwischen haben bereits zwei Praktikantinnen für mich gearbeitet und letzten Monat konnte ich eine Designerin anstellen.Mit kommerziellen Blogs kenne ich mich nicht aus und sie interessieren mich auch nicht. Immer mehr Blogger versuchen aus ihrer Tätigkeit Kapital zu schlagen. Eine interessante und kontroverse Diskussion hat der Blog von Sandra Juto ausgelöst, deren Blog man mit Donations unterstützen kann.

PS: Wie sieht die Zukunft deines Blogs?

MH: wenn ich das wüsste 🙂

12.8.2011
12.8.2011
6.5.2012
6.5.2012
18.5.2012
18.5.2012
27.6.2012
27.6.2012
8.7.2012  
8.7.2012  
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Text
Patricia Schneider

Hedi Slimane Diary

Der Fotograf und Modeschöpfer Hedi Slimane, der diesen Frühling zum Kreativchef des renommierten Modehauses Yves Saint Laurent ernannt wurde, publiziert seit 2006 ein Fototagebuch im Internet. Die ausschliesslich schwarz-weissen Fotografien sind chronologisch geordnet und enthalten keine Bildlegenden. Sie lassen auf unterschiedliche Schauplätze schliessen und widmen sich vor allem der Jugend. Die präzis komponierten Aufnahmen fokussieren stets auf die Portraitierten und stellen sie als individuelle Persönlichkeiten dar. Die Surfer von der Costa Caparica, die Skater in Tokyo, die Punks in Berlin oder die Models zwischen ihren Auftritten auf den internationalen Laufstegen gewähren dem Betrachter einen Blick in ihre Welt.

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Der Fotograf und Modeschöpfer Hedi Slimane, der diesen Frühling zum Kreativchef des renommierten Modehauses Yves Saint Laurent ernannt wurde, publiziert seit 2006 ein Fototagebuch im Internet. Die ausschliesslich schwarz-weissen Fotografien sind chronologisch geordnet und enthalten keine Bildlegenden. Sie lassen auf unterschiedliche Schauplätze schliessen und widmen sich vor allem der Jugend. Die präzis komponierten Aufnahmen fokussieren stets auf die Portraitierten und stellen sie als individuelle Persönlichkeiten dar. Die Surfer von der Costa Caparica, die Skater in Tokyo, die Punks in Berlin oder die Models zwischen ihren Auftritten auf den internationalen Laufstegen gewähren dem Betrachter einen Blick in ihre Welt.

http://www.hedislimane.com

12.8.2011 6.5.2012 18.5.2012 27.6.2012 8.7.2012  

Mit der Band Franz Ferdinand aus Glasgow ist Slimane auf Tour gegangen und hat mit ihnen backstage gewartet, ihre Instrumente und Requisiten portraitiert und schliesslich den Moment der Anspannung und der Entladung auf der Bühne fotografisch dokumentiert. Slimanes Rockdiary gibt einen persönlichen Einblick in das Leben auf und hinter der Bühne von weiteren bekannten und unbekannten Bands. Obwohl seine Fotografien sehr sorgfältig inszeniert sind, vermögen sie dennoch etwas Spontanes und Persönliches einzufangen.          http://www.hedislimane.com/rockdiary

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Text
Patricia Schneider

Kunstsupermarkt in Solothurn

Zum 13. Mal findet in Solothurn der «Kunstsupermarkt» statt – wo Kunst zu Discout-Preisen gekauft werden kann.

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In Solothurn buhlen zwei Kunst-Discouter um die Gunst der Schnäppchenjäger. Der Kunstsupermarkt in der RotHusHalle findet bereits zum dreizehnten Mal statt und erhält nun Konkurrenz durch die erstmals durchgeführte Gegenveranstaltung „Kunst findet Stadt“, die ihre Tore gleich gegenüber im Restaurant Volkshaus geöffnet hat. Während der Kunstsupermarkt vorwiegend auf ausländische Kunst im Tiefpreissegment setzt, konzentriert sich die neue Konkurrenz auf das regionale Schaffen.Beide Veranstalter betonen die hohe Qualität ihrer Kunstwerke, aber es stellt sich dennoch die Frage, wieso diese Kunstwerke so viel günstiger sind, als in einer Galerie. Handelt es sich um die Werke von Künstlern, die von den etablierten Institutionen abgewiesenen wurden, sind es verbilligte Restposten, die in den Galerien nicht verkauft werden konnten oder bieten die Discounter schlicht eine neue Plattform für günstige Kunstwerke an? Im Interview mit Claudia Badertscher vom Bund verriet Peter-Lukas Meier, der Organisator vom Kunst-Supermarkt, dass mit den billigsten Kunstwerken kaum etwas zu verdienen sei. Wie das in einem Supermarkt halt üblich sei, dienten die Sonderangebote vor allem dazu, möglichst viele Leute anzulocken. Bei den zahlreichen Besuchern scheint das Konzept des Kunst-Discounters zu funktionieren. Sie interessieren sich für gefällige Kunstwerke, die keiner Erklärung bedürfen und schätzen daher die Warenhausatmosphäre und natürlich die günstigen Preise. Die Solothurner Künstler konnten dem Kunst-Supermarkt nichts abgewinnen und sahen darin eine billige Konkurrenz, die ihnen das Wasser abgräbt. Mit dem neuen Format „Kunst findet Stadt“ hat Roland Wittwer nun eine ähnliche Plattform für die regionale Kunst geschaffen. Die Bieler Kunstkritikerin Anneliese Zwez hat bei der Eröffnung ein ausführliches Plädoyer für den neuen Kunst(super)markt gehalten.

Weitere Links zum Thema:
http://www.solothurnerzeitung.ch/solothurn/stadt-solothurn/solothurn-und-seine-kunstsupermaerkte-125529356
http://www.solothurnerzeitung.ch/solothurn/stadt-solothurn/kontrastprogramm-gleich-vis-vis-125559488